Johanna

Alle meine Kollegen nennen mich Johanna. Ich bin 26 Jahre alt. Ich habe keine Wohnung und lebe tagtäglich auf der Straße. Der Grund, warum ich auf der Straße lebe, ist, weil ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten hatte. Ich hatte es zwar immer gut und wurde gerecht behandelt. Ich bin ein ‚Scheidungskind‘ und bei meiner Mutter groß geworden. Das Verhältnis zu meiner Mutter war und ist immer noch sehr gut. Ich bin jedoch psychisch sehr labil und schon als Kind verbrachte ich mehrere Tage alleine im Wald.

Es war mein persönlicher Wunsch, die Erfahrung als Obdachloser zu machen. Meine Mutter war damit einverstanden und ließ mich gehen. Es war nicht eine Sucht, warum ich auf der Straße lebe. Ich trinke zwar jeden Tag meine drei bis vier Biere aber mehr nicht, von Drogen ist schon gar keine Rede. Die Lehre habe ich zwei Jahre von der Straße aus in Angriff genommen, doch leider habe ich sie nicht fertig geschafft. Ich lebe jetzt schon seit ca. zehn Jahren so. Doch jetzt will ich wieder zurück ins bürgerliche Leben. Am liebsten würde ich wieder in einer Wohnung leben und arbeiten gehen.

Die letzten fünf Jahre verbrachte ich in Spanien, hauptsächlich auf der Straße. Ich war aber nicht nur in Spanien unterwegs, sondern auch in Frankreich, Deutschland und in der Schweiz. Gelebt habe ich von der Hand in den Mund. Ich war immer froh, wenn ich Spenden von anderen Leuten bekommen habe. Meinen Hund habe ich im 2008 in Frankreich von der Straße mitgenommen. Er bedeutet mir alles. Zuerst sorge ich für den Hund und erst dann kaufe ich mir etwas zu essen. Ohne meinen Hund hätte ich das ganze nicht geschafft. Unterstützung bekomme ich keine.

Eigentlich geht es mir unter diesen Umständen gut. Momentan lebe ich nur von Spenden der Menschen, doch langsam will ich wieder ins bürgerliche Leben zurückkehren. Hier auf der Gasse habe ich meine Traumfrau kennen gelernt. Wir kennen uns schon seit zehn Jahren und wollen nun gemeinsam eine Wohnung beziehen. Das Straßenleben ist Kräfte raubend. Nur schon die täglichen abschätzenden Kommentare der normallebenden Menschen macht einem fertig. Fast täglich wird man beschimpft, diskriminiert und beleidigt.

Die Rückkehr ins bürgerliche Leben ist sehr schwierig. Meine Verlobte und ich sind seit Langem auf der Suche nach einer Wohnung. Ohne Mietvertrag bekommen wir kein Sozialgeld. Arbeiten will ich auch wieder, aber ich weiß nicht was. Eigentlich habe ich es noch nie bereut, dass ich von zu Hause ausgerissen bin. Ich hätte nie so viel von Europa gesehen und nie so viel über mich selber auch gelernt. Am Anfang war zwar alles sehr schwierig und kompliziert, doch ich bereue nichts.

 

 


Name, persönliche Details und Portrait abgeändert

Interview und Abschrift: Michéle Wüst

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