Hans

Mein Name ist Hans. Ich bin nicht wirklich obdachlos, sondern lebe in einer vom Drogenbetreuungsdienst zur Verfügung gestellten Wohnung. Ich bin 42 Jahre alt aber mein Körper fühlt sich an wie 60 Jahre. Den Grund dafür will ich Ihnen nun in meinem Lebenslauf erzählen: Von meinen Eltern bekam ich als Kind nie die nötige Liebe und Geborgenheit und in der Schule wurde ich oft zusammengeschlagen. Zudem geriet ich nach meiner Ausbildung an die falschen Kollegen, welche alle kifften. Da meine damalige Freundin kiffte und ich Angst hatte, von ihr und den Kollegen nicht akzeptiert zu werden, begann ich dann direkt mit dem Rauchen von Joints. Zuvor hatte ich noch nie eine Zigarette weder sonst ein Suchtmittel geraucht.

Nach einiger Zeit habe ich mir überlegt, was denn am Folien rauchen* so gut sein muss, da es so viele Leute zu sich nehmen. Also probierte ich es auch aus. Die ersten zwei bis drei Monaten war es ‚der ober Hammer‘. Alles war vergessen. Die Probleme waren wie verschwunden. Doch danach ging es nur noch Berg ab. Es blieb nicht nur bei den Joints. Nach ca. 1 ½ Jahren war ich voll Drogen abhängig (in Form von Heroin rauchen). Dadurch verlor ich meinen Job als Sanitär-Installateur. Durch meinen Jobverlust stürzte ich dann vollends ab. Meine Mutter machte sich große Sorgen um mich, was ich auch verstehen konnte. Ich hatte mehrmals einen Entzug in einer Klinik versucht. Ich habe sogar einen FFE (fürsorglicher Freiheitsentzug) hinter mir. Doch auch diese nützten nichts und ich brach immer wieder den Entzug ab.

Durch meine Ratlosigkeit rief ich meinen Anwalt an und bat ihn um Hilfe. Dieser riet mir, dass ich wieder ins Gefängnis gehen soll, was ich auch befolgte. Erneut bekam ich in einer Therapiestelle meine Chance. Diese Therapie gefiel mir jedoch wiederum nicht. Einmal mehr brach die Therapie ab. Ich rief erneut meinen Anwalt an. Er sagte, ich solle vorerst zu Hause bleiben und versuchen, wieder einen Job zu finden und selber, ohne fremde Hilfe, von der Droge wegzukommen.

Mit der Unterstützung meiner Mutter ging ich in einen Eisenwarenladen und kaufte eine Eisenkette und zwei Vorhängeschlösser. Das eine Ende der Kette band ich mir in der Wohnung meiner Mutter um den Fuß und das andere Ende machte meine Mutter an dem Heizkörper in meinem Zimmer an. Dann legte sie ein großes Stück Plastik aus und entfernte alle Gegenstände, an die ich noch rankam. Das einzige, was ich zu diesem Zeitpunkt noch hatte, war die TV-Fernbedienung und einen Fernseher, welcher jedoch zu weit entfernt war, dass ich ihn hätte berühren können. Durch die Unterstützung meiner Mutter überstand ich so den kalten Entzug. Das waren die aller schlimmsten drei Monate in meinem Leben. Die Kette wurde dann mit der Zeit gelockert, sodass ich am Schluss wieder alleine aufs WC gehen konnte.

Bei einem Transportunternehmen fand ich –als ich wieder clean war- Arbeit als Lagerist. Dort gab es einen Lagermitarbeiter, welchen ich beim Drogenkonsum erwischte. Ein Jahr lang habe ich ohne Drogenkonsum durchgehalten. Dann hatte es mich wieder gepackt und ich wurde rückfällig (nicht zuletzt wegen meinem Drogen konsumierenden Mitarbeiter). Ich verlor meine Stelle und wurde wieder stark abhängig.

Ich verbrachte meine Zeit in der Drogenszene. Um dort Überleben zu können, ging ich aufs Ganze. Ich hinterging einmal einen Dealer, was ich nie mehr erleben möchte. Die Polizei machte eine Razzia und ein Libanese drückte mir deshalb einen Sack in die Hand. Ich versteckte ihn in meiner Hose. Der Libanese sagte mir noch, dass ich hier warten solle und er dann diesen Sack später wieder abholen werde. Vor Schock und Angst blieb ich einfach stehen. Da kamen die Polizisten auf mich zu und fragten mich, was ich hier mache. Ich log sie an und erklärte ihnen, dass ich hier nur durchlaufen wolle. Die Polizisten sagten mir dann darauf: „Verschwinden sie von hier. Sie haben hier nichts verloren.“ Zum Glück ließ mich die Polizei durchlaufen. Im Sack befand sich viel Geld, ein Faust großer Klumpen Heroin und ein ebenso großer Klumpen Kokain. Anstatt den Beutelinhalt –wie vom Libanesen angeordnet- zu hüten, ließ ich es mir mit dem Geld gut gehen.

Dies ging gut bis ich eines Tages spürte, wie mir jemand auf den Rücken klopfte. Ich drehte mich um und sah den Libanesen hinter mir stehen. Sofort flogen die Fäuste. Als ich nach vielen Schlägen und Tritten verletzt am Boden lag, hörte ich das Öffnen eines Klappmessers. Mir wurde klar, dass es um Leben oder Tod geht. Trotz höllischen Schmerzen erhob ich mich und rannte durch die vielen Drogenabhängigen, welche auf dem Boden saßen. Ich entkam. Eines wurde mir klar: Hintergehe nie einen Dealer, denn es könnte tödlich enden.

Seit zehn Jahren bin ich jetzt beim Methadonprogramm. Ganz clean bin ich jedoch immer noch nicht. Ab und zu nehme ich noch was. Mein Kopf lässt das Weglassen der Drogen nicht zu. Im Moment versuche ich einen Umstieg von Methadon auf eine Morphinbasis, weil Morphin viel gesünder ist und es die Rezeptoren im Gehirn, welche Heroin verlangen, so abdecken, dass dieser Drang nach Heroin verschwindet. Zurzeit arbeite ich fünf Tage die Woche als Hilfsarbeiter, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Anmerkung:

* Unter “einer Folie rauchen“ versteht man das Verdampfen von Heroin auf einer Alufolie, gefolgt vom Einatmen der dadurch entstehenden Dämpfe.

hans


Name, persönliche Details und Portrait abgeändert.

Interview und Abschrift: Michèle Wüst

2 thoughts on “Hans

  • Meine Familie meines Mannes hat einen problemfall und deshalb wollte ich fragen wieviel das kostet da wir von wenig Geld leben. Ausserdem würden meine Mutter und ich auch zwei mal in der Woche kochen ehrenamtlich für gute Zwecke! Wäre wirklich sehr dringend da das schon jahrelang so geht, Tag für Tag Beleidigungen aufs Schlimmste!!? Danke im Voraus und lg, fam. Ban, rottensteiner und der betroffene kerculj mile, 44 Jahre alt! Nochmal Dankeschön, bitte melden sie sich dringend!!

    • Sehr geehrte Frau Rottensteiner,
      wir haben Ihnen vor einigen Tagen ein Mail geschrieben und freuen uns auf Ihre Rückmeldung!
      Mit freundlichen Grüßen
      Ihre Humanitas

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