Interview mit Fritz

Hallo Fritz, zunächst möchte Buergerstimme sich ausdrücklich bedanken, dass Sie uns von Ihrem „kurzen“ Ausstieg aus dem behüteten Leben erzählen wollen. Was waren die ausschlaggebenden Beweggründe dafür?

Es mag für viele kaum vorstellbar erscheinen, dass es Menschen gibt, die keinen anderen Ausweg sehen, als aus ihrem bürgerlichem Leben hinaus auf die Straße zu gehen, aber genauso war es bei mir. Ich hatte gerade eine Ehe hinter mir, die geprägt war von Gewalt und Unterdrückung und stand vor dem Scherbenhaufen meines Lebens. Es gab Niemanden, der wirklich verstand, was ich fühlte, und auch von offizieller Seite bekam ich keine wirklichen  Hilfen. Als Kind hatte meine Familie des Öfteren Besuch von einem Mann, der mit seinem Fahrrad durch die Welt fuhr und einfach  lebte, ich weiß nicht einmal mehr, wie er hieß, aber sein freies Leben ohne Zwänge imponierte mir schon damals. Ich habe nach meiner gescheiterten Ehe einige Versuche unternommen, um mein Leben wieder lebenswert für mich zu gestalten, aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass etwas fehlte. Und nach einer Weile begriff ich, dass ich es selbst war, die fehlte,  mein inneres Ich verloren gegangen war. Ich denke das lag daran, dass ich in den Jahren meiner Ehe immer unterdrückt und gedemütigt worden war und nie die Chance hatte, frei zu denken und zu handeln. Ich verstand, dass ich zuerst mich selbst finden musste, um wieder ein lebenswertes Leben führen und mich selbst annehmen zu können.

Nach einiger Überlegung entschied ich mich all meinen Besitz zu verschenken oder zu verkaufen, mir davon ein Fahrrad und einen Anhänger zu kaufen und einfach los zu fahren, um nach mir selbst zu suchen. Geplant war eine mehrwöchige Tour von meinem Heimatdorf  Dalum im Emsland nach Neuharlingersiel, wo ich als Kind immer glücklich gewesen war. Dort wollte ich mein verlorenes Stück Leben wiederaufnehmen und auf dem Rückweg einfach einen Neuanfang machen, wo es mir gefiel, und ich mich Willkommen fühlte.

Aus den geplanten Wochen wurden Monate und dann Jahre, es war eine Zeit, in der ich endlich zu mir selbst fand, und wieder leben lernte. In dieser Zeit führte mich mein Weg beinahe durch ganz Deutschland.

In unseren Erstgesprächen erläuterten Sie einen deutlichen Unterschied innerhalb obdachloser Menschen. Haben Sie  daher sich anfangs ziemlich klar abgegrenzt?

In den ersten Tagen fiel es mir noch recht schwer, mich zurecht zu finden, ich wusste nicht, wo ich schlafen, essen oder mich und meine Kleidung waschen sollte und versuchte alles allein zu schaffen. Ich musste sehr bald feststellen, dass das Straßenleben nicht so einfach und ohne Gefahr war, ich wurde nachts in meinem Schlafsack überfallen und gestiefelt. So nennt man diese erste, brutale Erfahrung, die viele der Obdachlosen in der ersten Zeit machen, weil sie noch nicht wissen, wie sie sich zu verhalten und zu schützen haben.

Als ich mich endlich aus dem Schlafsack befreien konnte, waren die meisten meiner Sachen entweder zerstört oder gestohlen worden, und ich konnte kaum mehr stehen. Zwei meiner Rippen waren gebrochen, drei Zähne ebenfalls, und auch die Nase wie ich erkennen konnte. Als ich mein Gesicht in einem nahen Brunnen wusch, war das, was mir dort aus dem Wasser entgegen sah eine fremde Person.  Nachdem ich zu meinem Schlafplatz zurückkam, wartete dort ein Mann auf mich, der die Typen, die mich so zugerichtet hatten, weglaufen gesehen hatte und nachsehen wollte, was geschehen war. Dieser Mann war ein getaufter Berber, und er bot mir seine Hilfe an, ich hatte in meiner Lage kaum eine Wahl, als sein Angebot anzunehmen.

Durch diesen Mann erfuhr ich erstmals von den Berbern und ihrer Lebensweise, die Berber grenzen sich von den anderen Obdachlosen ab, sie bezeichnen eine Person, die innerhalb einer Stadt wohnungslos ist beispielsweise als „Stadtratte“ oder jemanden,  der nur innerhalb eines bestimmten kleinen Gebietes um seine Stadt herumzieht, als „Wanderratte“.

Wohingegen die Berber meist in weiten Teilen Deutschlands umherziehen. Das Leben als getaufter Berber ähnelt dem der Zimmerleute, die ja auch eine eigene Zunft bilden. Ehrlichkeit, Freundlichkeit und Fairness werden hier sehr hoch bewertet, und wer sich nicht an diese Gesetze hält, der wird gemieden und ausgeschlossen. Leider stirbt das echte Berbertum immer weiter aus und die wenigen, die es noch gibt, werden nicht besser angesehen als alle anderen Obdachlosen auch.

Gerade in Zeiten zunehmender Erwerbslosigkeit, begleitet durch die sozialrassistische Hartz-IV-Gesetzgebung, werden Sie bestimmt etliche Schicksale erfahren haben. Wurde dadurch eine menschenverachtende Haltung gegenüber Obdachlosen noch spürbarer? 

Sie fragen, ob die  menschenverachtende Haltung einiger Bürger durch Hartz IV verschlimmert wurde? Das kann ich nicht aus eigener Erfahrung beurteilen, da ich als Hartz IV eingeführt wurde, bereits wieder fest in einer Wohnung lebte, aber durch das, was ich von anderen höre, die noch immer auf der Straße leben, kann ich das nicht bestätigen. Ich denke, es wird immer Menschen geben, die verächtlich auf die Obdachlosen herabsehen, die sie auf den Straßen sehen, weil sie sich nicht vorstellen können, wie ein Mensch in eine solche Lage gerät, oder warum er so lebt. Sicherlich sind viele derjenigen, die man in den Fußgängerzonen mit ihren Schalen sitzen sieht nicht gerade ein Vorzeigebeispiel für den guten deutschen Bürger, aber es sind Menschen. Menschen, die, wenn man ihnen zuhören würde, einiges zu erzählen hätten, was das Bild der Gesellschaft ihnen gegenüber, denke ich, durchaus positiv verändern könnte.

Die Gesetze der Straße haben oftmals dazu geführt, dass die längst bekannten Anlaufstellen aufgesucht wurden. Was spielte sich dort ab?

Die Anlaufstellen und Unterkünfte, in denen man als Obdachloser nächtigen, seine Wäsche waschen oder teils auch neue Wäsche erhalten kann, sind sehr unterschiedlich. Die meisten  Berber, die ich kenne, meiden diese Anlaufstellen und haben sich im Laufe der Jahre eigene Anlaufpunkte gesucht. Ich hatte beispielsweise immer gute Kontakte zu einigen Pastoren, wo ich z.B. gegen Gartenarbeit waschen konnte und etwas Geld, Nahrung oder anderes, was ich benötigte, erhielt.  In den Anlaufstellen trafen häufig sehr viele verschiedene Wohnungslose aus unterschiedlichen Schichten aufeinander, was oft zu Spannungen untereinander führte, auch der Alkoholkonsum spielte dort leider oft eine nicht unerhebliche Rolle. Die Anlaufstellen sind oft von Ort zu Ort anders, ich kenne einige sehr gute, saubere Stellen, wo man immer auf nette, kompetente Menschen traf, die gerne für die Belange der Durchreisenden da waren, wie beispielsweise in Leer/Ostfriesland, wo man immer das Gefühl hatte, Willkommen zu sein. Aber auch sehr mangelhafte, verdreckte, nahezu menschenunwürdige, in denen man keine Tiere halten würde, wie beispielsweise in Fritzlar / Hessen.  Ich selbst habe immer versucht möglichst wenige der Anlaufstellen anzusteuern.

Im Zusammenhang der Hartz-Gesetze wurden die früheren Suppenküchen wieder eingeführt, die sich heute zynischischerweise Tafeln nennen. Gab es dort eine Form der „Hackordnung“, welche auch Obdachlose zu erdulden hatten?

Ich selbst habe während meiner Zeit auf der Straße nur ein oder zweimal diese Tafelanlaufstellen angesteuert, es widerstrebte mir einfach dort nach Essen anzustehen und die Reste dessen, was alle anderen übrigließen, zu bekommen. Denn dort, wo ich war, kamen die Menschen die ofW (ohne festen Wohnsitz) waren erst an die Reihe, wenn alle anderen abgefertigt waren, es gehört nicht viel Phantasie dazu, um sich vorzustellen, was man dann noch bekam.  Ich habe es immer vorgezogen, für mein Essen oder meinen anderen Bedarf zu arbeiten oder von dem zu leben, was mir die Menschen unterwegs zukommen ließen.

Was können Sie im Nachhinein mit all Ihrer Erfahrung aus dieser Zeit denjenigen auf den Weg geben, die entweder noch obdachlos sind oder es ohne weiteres werden können aufgrund eines sich ausbreitenden Sozialrassismus?

Ich denke, diejenigen, die zurzeit noch ofW (ohne festen Wohnsitz) sind,  werden ihre Möglichkeiten selbst kennen. In beinahe jeder größeren Stadt gibt es entsprechende Stellen, in denen man Hilfe findet, wenn man wieder sesshaft werden möchte. Leider erlebt man es dort auch zuweilen, dass man weggeschickt wird, weil die Stadt dort keine weiteren potentiellen Hartz-IV-Empfänger haben möchte. Man muss dann recht hartnäckig sein und sich auch selbst bemühen,  so wie ich es getan habe. Als ich nach einigen Jahren hier in Wilhelmshaven den Ort gefunden hatte, in dem ich bleiben wollte, legte man mir auch zuerst allerlei Steine in den Weg und riet mir, lieber weiter zu ziehen. Ich habe mir daraufhin selbst eine Bleibe gesucht, habe die erste Wohnung gemietet, die ich bekommen konnte, denn es ist nicht leicht, den Weg von der Straße zurück in eine Wohnung zu finden. Die meisten Vermieter schreckt der Stempel ofW im Ausweis ab. Aber wenn man erst mal eine feste Adresse hat, dann kann man sich nach und nach weiter verbessern, so habe ich es gemacht. Ich bin zuerst in einer Ein-Zimmerwohnung eingekehrt und habe es mir dort so schön wie möglich gemacht, und von dort aus habe ich nach einer besseren Unterkunft gesucht.

Heute lebe ich in einer netten Altbauwohnung, die ich mir mit wenigen Mitteln zu einem gemütlichen Heim gemacht habe. Man braucht nicht viel, um es sich schön zu machen, nur Geduld, etwas Geschick und eigene Ideen.

Denjenigen, die auch heute noch auf Obdachlose heruntersehen, möchte ich sagen, dass sie einmal darüber nachdenken sollten, wie schnell es jedem von uns geschehen kann, in Not zu geraten. Jeder von uns kann von heute auf morgen vor dem finanziellen oder menschlichen Ruin stehen. Niemand ist davor sicher.

Jeder Mensch kann auch heute noch und in unserem Land in diese Situation geraten, und niemand hat es dann verdient, behandelt zu werden wie ein Mensch zweiter oder dritter Wahl, denn hinter dem, was uns oft so offensichtlich erscheint, steckt oftmals eine Geschichte, die uns ein völlig anderes Bild vermitteln könnte, wenn wir nur bereit wären zuzuhören.

 

Fritz

 


Interview: Lotar Martin Kamm

Quelle: https://buergerstimme.com/Design2/2011/07/obdachlos-das-leben-auf-der-strase-ein-interview-mit-einer-berberin/

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